Drei Studien, drei Zahlen
Bitkom Research hat im Sommer 2026 603 Unternehmen ab 20 Beschäftigten telefonisch befragt (Kalenderwochen 28 bis 33). Ergebnis laut Pressemitteilung vom 14. September: 57 Prozent nutzen KI, 38 Prozent planen oder diskutieren den Einsatz, 4 Prozent sagen, KI sei für sie kein Thema. Im Vorjahr lag die Nutzung bei 36 Prozent, zwei Jahre zuvor bei 20 Prozent.
Die KfW hat im Frühjahr 2025 im KfW-Mittelstandspanel gefragt, ob das Unternehmen in den Jahren 2022 bis 2024 Anwendungen künstlicher Intelligenz genutzt hat. Ergebnis laut Fokus Volkswirtschaft Nr. 533 vom 11. Februar 2026: 20 Prozent, hochgerechnet knapp 780.000 Unternehmen und etwa das Fünffache des Werts aus dem Zeitraum 2016 bis 2018. Große Mittelständler ab 50 Beschäftigten kommen auf 36 Prozent, kleine auf 19 Prozent, das Baugewerbe mit 8 Prozent ist Schlusslicht.
Der KI-Index Mittelstand von Salesforce und dem Deutschen Mittelstands-Bund nennt 51,2 Prozent, die KI nutzen oder testen, nach 33,1 Prozent im Jahr 2024. Wir kennen diese Zahl nur aus einem Fachblog. Stichprobe und Befragungszeitraum werden dort nicht genannt, wir konnten sie daher nicht prüfen.
Warum sich die Zahlen nicht widersprechen
Drei Unterschiede erklären den größten Teil der Spanne. Erstens der Zeitraum: Die KfW fragt nach einem mehrjährigen Fenster bis 2024 und hat im Frühjahr 2025 erhoben, Bitkom fragt im Sommer 2026 nach dem aktuellen Stand.
Zweitens die Unternehmensgröße: Bitkom erfasst Unternehmen ab 20 Beschäftigten. Das KfW-Panel bildet den Mittelstand breiter ab, einschließlich kleiner Betriebe, und zeigt selbst, wie stark die Größe wirkt: 36 Prozent bei Unternehmen ab 50 Beschäftigten, 19 Prozent bei kleineren. Wer kleine Betriebe einrechnet, bekommt einen niedrigeren Durchschnitt.
Drittens die Definition: Die KfW legt den Befragten eine ausführliche KI-Definition vor, die Text-, Bild- und Spracherkennung einschließt, und fragt nach acht Technologiearten. Auf der Bitkom-Seite finden wir keine Definition von „Nutzung“. Der KI-Index zählt auch Unternehmen mit, die KI nur testen. Wer „nutzen“ weit fasst, etwa bis zum gelegentlichen Chatbot-Einsatz einzelner Beschäftigter, kommt auf höhere Werte als bei produktivem Einsatz im Prozess.
Der Sprung von 41 auf 57 Prozent
Besonders auffällig ist, dass Bitkom selbst im März 2026 noch 41 Prozent meldete (604 Unternehmen, Kalenderwochen 2 bis 6). Im September sind es 57 Prozent bei einer ähnlich großen Stichprobe. Beide Pressemitteilungen nennen für das jeweilige Vorjahr unterschiedliche Vergleichswerte, im März 17 Prozent, im September 36 Prozent. Dass sich in sechs Monaten 16 Prozentpunkte echtes Wachstum ergeben, halten wir nicht für ausgeschlossen. Ohne Angaben zu Fragenwortlaut und Stichprobenzusammensetzung lässt sich das aus den Pressemitteilungen aber nicht belegen. Die Reihe taugt als Richtung, nicht als Messlatte.
Was daraus für ein einzelnes Unternehmen folgt
Die Frage „Wie viele nutzen KI?“ hilft bei der eigenen Entscheidung wenig. Nützlicher ist die zweite Zahl aus der Bitkom-Studie, nämlich die Hürden. Unternehmen ohne KI nennen fehlendes technisches Know-how (85 Prozent), Rechtsunsicherheit (66 Prozent), schwer kalkulierbare Kosten (63 Prozent), fehlendes Personal (51 Prozent) und fehlende Daten (40 Prozent). Unternehmen mit KI nennen Datenschutzanforderungen (66 Prozent), Rechtsunsicherheit (56 Prozent), schwer kalkulierbare Kosten (54 Prozent), das Risiko, dass Unternehmensdaten in falsche Hände geraten (45 Prozent), und fehlende Akzeptanz bei den Beschäftigten (42 Prozent).
Unsere Lesart: Die Hürde verschiebt sich nach dem Start. Vorher fehlt das Wissen, wie man anfängt, danach rücken Datenschutz, Datensicherheit und Akzeptanz nach vorn. Das sind dort sehr unterschiedliche Aufgaben. Wer plant, nur das Know-how-Problem zu lösen, etwa durch Schulungen, steht kurz darauf vor dem Datenschutzproblem. Das ist eine Ableitung aus zwei Fragenlisten, kein Befund der Studie über denselben Betrieb im Zeitverlauf.
- Vergleiche die eigene Lage nicht mit einer einzelnen Prozentzahl, sondern mit Größenklasse und Branche. Die KfW zeigt eine große Spanne, vom Baugewerbe mit 8 Prozent bis zu großen Mittelständlern mit 36 Prozent.
- Lege fest, was „Nutzung“ im eigenen Haus heißt: einzelne Chat-Assistenten, ein automatisierter Prozess oder ein integriertes Produkt. Daran hängen Datenschutz, Kosten und Verantwortung.
- Kläre Datenschutz und Datenarten früh, nicht erst nach dem Pilotprojekt. Bei den Nutzern ist es die meistgenannte Hürde.
- Plane Akzeptanz mit. 42 Prozent der Nutzer nennen fehlende Akzeptanz im Team.
- Behandle „Wettbewerber nutzen es schon“ nicht als Argument, solange unklar ist, was dort genutzt wird.
Was die Studien nicht beantworten
Keine der drei Zahlen sagt, ob KI im Unternehmen einen messbaren Nutzen stiftet. „Nutzung“ ist kein Erfolgsmaß. Die Bitkom-Seite nennt außerdem keine Aufschlüsselung der 57 Prozent nach Größe, die wir hier hätten verwenden können. Und die Stichprobe von rund 600 Unternehmen ab 20 Beschäftigten sagt nichts über Kleinstbetriebe.